Brauchtum

Harder-Potschete in Interlaken

Knapp 200 Meter unterhalb des Hardergipfels in Interlaken befindet sich ein Felsabbruch, der ohne menschliches Dazutun das riesige Gesicht und die Schulterpartie eines Mannes zeigt: Das «Hardermannli». Mit der Entstehung dieses seltsamen Naturgebildes befasst sich auch eine, im Volksmund überlieferte Sage. Das «Hardermannli» ist die Hauptgestalt des Brauchtums am «Bärzelistag». Es steigt am 2. Januar mit seinem Gefolge hinunter zum Volk auf dem Bödeli, wo es zu seinen Füssen, zwischen Brienzer- und Thunersee, lebt.

Stelldichein der Geisterwelt

Auf heimlichen Wegen erreichen das «Hardermannli» und sein Gefolge das Zentrum von Interlaken. Auf dem Marktplatz haben sich inzwischen auch Dutzende von Waldgeistern eingefunden. Den Fluten der Aare entstiegene Elfen und Nixen, und alles, was sich während des Jahres im Dunkeln verborgen hielt, gibt sich nun ein Stelldichein. Schauen wir diese Geister etwas näher an: Da sind einmal die «Schnäggehüsler». Hunderte von Schneckenhäusern wurden mit einem kleinen Bohrloch versehen und dann in mühsamer Bastelarbeit auf Sacktuch (Jute) aufgenäht. In gleicher Weise stellen die «Hobelspänler» ihre Gewänder her. Schon Wochen vor der Harderpotschete suchten sie sich beim Schreiner möglichst grosse und schön gerollte Hobelspäne aus und hefteten sie dann auf das grob geschneiderte Jutekleid. Die «Tannzäpfler» taten es ihnen gleich, nur dass sie zur Befestigung der Tannenzapfen eine Sattlernadel und starken Zwirn benötigten. Die «Chrisäschtler» verzierten das Sacktuch mit lauter feinem Tannenreisig. Schliesslich sind noch die Moosgeister, die Wurzelmännchen und «Stechpälmler» zu nennen, die um und um mit Moos und Flechten, Wurzeln und Stechpalmenblättern behangen sind. Was ein echter «Chlummler» ist, trägt also ein Kleid, dessen Zierrat aus dem Wald stammt und nichts mit künstlichem Firlefanz und Fasnacht zu tun hat. Wesentlich an all diesen Gestalten ist freilich auch die Maske. Seit der Wiederaufnahme des Brauchtums im Jahre 1955 wurden vom Harder-Potschete-Komitee an die vierzig künstlerisch wertvolle Holzmasken angeschafft. Selbstverständlich kann nicht jeder «Chlummler» ein solches Kunstwerk tragen. Man legt aber grossen Wert darauf, dass die Masken möglichst selber hergestellt werden. So wird in mancher Schulstube unter Anleitung des Lehrers versucht, mit Papiermaché oder anderem Material eine Maske zu formen, die nicht nach Kitsch und Warenhaus aussieht.

«Potschen»

Was dem Brauch den Namen gegeben hat, das sind die «Potschen» oder «Süüblaateri» (Schweineblasen). Die Metzger stellen den Buben auf den 2.Jänner hin eine ganze Menge Schweineblasen bereit. Die füllen sie, solange sie noch weich sind, mit Luft. Mit Wohlbehagen lassen nun die ausgelassenen Buben ihre prall aufgeblasenen «Potschen» auf kreischende Mädchen niedersausen. Auch wenn es nicht weh tut, so setzt doch eine wilde Flucht durch die Strassen ein. Anfänglich wurden die Blasen an Stecken befestigt, bei «Sudelwetter» durch den Dreck gezogen und dann irgend einem «Opfer» um den Kopf geschlagen, Diese Unsitte ist glücklicherweise verschwunden. Im Laufe der Zeit ging der Name des Requisits auf seinen Träger über, so dass man heute von der «Besammlung der Potschen auf dem Marktplatz» spricht. Da haben sich mittlerweile ausser dem «Hardermannli» und der Geisterschar auch die Trychler aus Unterseen, Matten und Goldswil, die Musikformation «Silvesterchläus», die Guggemusig Bödeli-Rasselbande und die Tambourengruppe Matten eingefunden.

Umzug und Maskenprämierung

Mitglieder des Vereins formieren jetzt den Zug. Voran und am Schluss marschieren die Trychler. In langsamer, gleichmässiger Bewegung schwingen sie ihre Treicheln vor sich her. Schon von weitem hört man den beinahe unheimlichen Klang der schweren Glocken. Hinter den Trychlern kommt das «Hardermannli» mit seinen Trabanten. Es trägt einen «Holzstäcken» in der Hand und flösst den beidseits der Strasse in dichtem Spalier stehenden Zuschauern mitunter Angst und Schrecken ein. Dann erscheint die ganze Schar der Wald- und Wassergeister, es mögen bis zu 100 an der Zahl sein. Die Umzugsroute ist seit Jahrzehnten genau festgelegt. Sie führt vom Marktplatz über Unterseen zurück an den Ausgangspunkt. Der Potschenrat nimmt hier von einem Brückenwagen aus die Präsentation der Masken vor. Dann erhält jeder Teilnehmer am Umzug ein gratis «Zvieri», bestehend aus Wurst, Brot und Tranksame. Die Gruppen der Erwachsenen machen nach der Auflösung des Umzugs den sogenannten «Pintenchehr» oder «Beizencher». Im Verlauf des späteren Abends verschwinden das «Hardermannli», sein «Wybli» und die vermummten Gestalten wieder. Sie entledigen sich meist unauffällig ihrer furchterregenden Masken und versorgen die Montur bis zum nächsten Jahr im Vereinslokal.

Sonnenwendfeier und Bubenkriege

Der Ursprung der Potschete liegt zweifellos in der heidnischen Sonnenwendfeier. Das Volk der Vermummten versucht mit Lärmen den bösen Geist des Winters zu vertreiben und den Weg freizumachen für die wieder länger werdenden Tage. Der Rückzug des «Hardermannlis», das für die Gegend die vollendete Personifikation des bösen Berggeistes ist, bedeutet am Abend des «2. Jänner» den Sieg des Lichts über das Dunkel der Nacht. Leider lassen uns die historischen Quellen zum Thema Harderpotschete vollständig im Stich. Zu Beginn unseres Jahrhunderts handelte es sich nur noch um einen Bubenkrieg. Der Brauch war also vollständig entartet. Die Mattner zogen im Geviert, mit Haselruten bewaffnet, nach Interlaken. Die «Troyaner» (Unterseener) schossen mit Pfeil und Bogen von der Goldey her über die Aare, so dass sich die «Rameler» (Interlakner) von zwei Seiten her bedroht, ihrer Haut erwehren mussten. Sie taten dies vor allem mit den «Potschen». Die Kämpfe arteten aus, und nicht selten endeten sie in einer wilden Prügelei, bei der die Hüter der öffentlichen Ordnung einzuschreiten hatten. Verschiedene Gremien setzten sich darauf für eine gesittete Durchführung der Potschete ein.

Harder-Potschete-Verein
Seit 1955 war es der «Marktgassleist», dem das Verdienst zukommt, dem Brauch die heutige Form gegeben zu haben: Der «Marktgassleist» war ein Zusammenschluss aller an der Marktgasse ansässigen Geschäftsleute. 1983 wurde der Leist durch einen Trägerverein abgelöst. Der Verein gibt zum «2. Jänner» den satirischen «2. Jänner-Knacker» heraus, in dem jeweils gewisse Begebenheiten aus dem dörflichen Geschehen mehr oder weniger humorvoll abgedruckt, in dem aber auch einzelne Personen aufs Korn genommen werden. An einem Stand auf dem Marktplatz kann man sich geschnitzte Fratzen als Anhänger oder Amulette erstehen und wer sich innerlich erwärmen will, der erhält gegen gutes Geld heisse Würstchen mit Brot, «Chäsbrätel», Suppe oder heisse Marroni. Aus dem Erlös finanziert der Harder-Potschete-Verein die Anschaffung neuer Masken, die Prämien, Inserate und sonstige Unkosten, die der Anlass eben mit sich bringt.

Quellen: Archiv Harder-Potschete- Verein, Interlaken; Harderpotschete in Interlaken, Rudolf Gallati aus «Das Jahr der Schweiz in Fest und Brauch», Artemis-Verlag Zürich.

Die Sage vom «Hardermannli»
«Als das Kloster Interlaken auf der Höhe seiner Macht stand, waren Fülle und Üppigkeit die Losung seiner Mönche geworden. Damit verging auch der Ruhm der Frömmigkeit, den dieses Kloster im ganzen Lande genoss. Einst traf ein hoch am Harder spazierender Mönch ein Unterseener Mädchen beim Holzsammeln. Er stellte ihm nach und jagte es den Waldweg entlang. Da sprang das verfolgte Mädchen in seiner Angst über die furchtbare, jähe Fluh hinaus und fand den Tod. Der Mönch aber wurde vom himmlischen Richter irdischer Untaten in Stein verwandelt, und dazu verflucht, unerlöst Jahrtausende lang zur Stelle seines Verbrechens hinunterzuschauen.»